„Mein Papa besucht mich nur im Sommer. Da kann er im Auto schlafen. Kannst du da was machen?“

Annette Habert und Jobst Münderlein

Annette Habert und Jobst Münderlein

 

In 2008 brachte uns der neunjährige Sven auf die Idee, Mein Papa kommt ins Leben zu rufen. Sein Vater schlief seit der Trennung im Auto, wenn er am Umgangswochenende von weither anreiste. Die Übernachtungskosten in einem Hotel konnte er sich nicht leisten. Aus der gemeinnützigen Initiative ist inzwischen ein starkes bundesweites Netzwerk an Eltern und Gastgebern entstanden. Die Spendenkampagne Scheidungsringe für Kinder kommt der Initiative zugute.

Wie alles begann und was aus der Idee von damals geworden ist, darüber erzählen die Gründer Annette Habert und Jobst Münderlein.

  • Annette: Das Vertrauen des Jungen in die Gemeinschaftsverantwortung von uns Erwachsenen. Seine Entscheidung, sich mit Bedürftigkeit und Trennungsschmerz anderen anzuvertrauen, hat mich tief berührt und wurde für mich zur tragenden Kraft für unser Sozialunternehmen. Erst Jahre später habe ich verstanden, dass genau darin das Potenzial für Veränderungen und Innovationen liegt. Der kleine Sven hatte einfach damit gerechnet, dass es für seine Sehnsucht nach Verbundensein doch irgendwen in der Weite der Welt geben würde, der ein Hoffnungsträger für neue Lösungen in seiner Familie sein könnte. Viele Berufsjahre hatte ich als Pädagogin schon für Kinder gearbeitet und mit ihnen gelernt. Ausgerechnet der treuherzige Wunsch eines Kindes wurde für mich an diesem ganz normalen Freitagmittag zum inneren Auftrag für das, was Theologen „Berufung“ nennen.

  • Jobst: Die Qualität der elterlichen Bindung hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder und letztendlich auf das gesamte Erwachsenenleben. Kinder müssen es ertragen, wenn Eltern zusammenbleiben und sich aus dysfunktionalen Beziehungen nicht lösen können. Und Kinder leiden ebenso, wenn Eltern sich trennen. Aus Erfahrung wissen wir jedoch, dass sich eine Trennung nicht zwingend negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken muss. Auch Patchworkfamilien oder Familien mit zwei Elternhäusern können dem Kind Geborgenheit und Sicherheit geben. Vorausgesetzt die Eltern legen ihre Konflikte bei und kooperieren auf der Elternebene.

  • Jobst: Wir schätzen, dass unser Angebot bundesweit für rund 22.000 getrennt lebende Eltern relevant ist. Also Eltern, die eine größere räumliche Distanz zum Kind, finanzielle Engpässe und kein Netzwerk von Familie und Freunden am Wohnort des Kindes haben. Hinzu kommen Eltern, die keine finanzielle Notlage haben, denen jedoch in Zeiten der Trennungsverarbeitung unsere ortsunabhängige pädagogische Elternbegleitung und die Gastfreundschaft unserer ehrenamtlichen Gastgeber einen emotionalen Rückhalt geben.

  • Jobst: Jeder hat seine eigene Geschichte. Ob die Scheidung in finanzielle Notlagen führt oder ein Kind seinen Vater erst zur Einschulung kennenlernt, die Elternschaft mit einer Affäre beginnt oder das bisher bewährte Wechselmodell wegen beruflicher Veränderungen abgelöst wird. Alle Eltern haben ein gemeinsames Problem: Sie brauchen mehr Erfahrungen von Rückhalt und Wertschätzung, wenn sie über solch große Entfernungen hinweg Verantwortung übernehmen.

  • Annette: Scheidungskind, Trennungskind, Trennungsfamilie, Einelternfamilie sind in der Gesellschaft etablierte Begriffe, und die Mehrheit kann sich darunter etwas vorstellen. Die Wirkung ist jedoch fatal. Keiner Mutter oder keinem Vater würden wir zumuten, sich eine Scheidungsmutter oder Scheidungsvater zu nennen. Das Kind aber wird über Jahre in beständiger Erinnerung an die Trennung der Erwachsenen und eigener Verlusterfahrung als Scheidungskind definiert. Unser Begriff „Kinder mit zwei Elternhäusern“ nutzt bewusst das kraftvolle Bild des Elternhauses. Wertungsfrei und beide Eltern gleich gewichtend kann der Begriff damit einen ersten Perspektivwechsel zu einem konstruktiven Umgang mit der Endlichkeit von Beziehungen eröffnen. 

    Jobst: Zudem macht der Begriff die wissenschaftliche Bezeichnung der Multilokalität allgemein und kindgerecht verständlich und erkennt an, dass Multilokalität oft zur Normalität moderner Familienarrangements gehört.

  • Annette: Airbnb, Couchsurfing und Co. sind eine Alternative zum Hotel. Auf Dauer sind aber auch die für viele Elternteile zu teuer und ermöglichen selten eine verlässliche, monatliche Kontinuität. Unser Angebot bei privaten Gastgebern übertrifft die reine kostenfreie Übernachtung. Was der getrennt lebende Elternteil im Alltagsumfeld vermisst, wird durch die Gastgeber erfahrbar: Er wird als Vater geachtet und ist als vertrauenswürdiges Gegenüber willkommen. Hat er in der Partnerschaft gerade einen Vertrauensbruch erlebt und fragt sich womöglich, ob er denn wenigstens noch sich selbst und seiner eigenen Intuition vertrauen kann, erlebt der Vater bei unseren Gastgebern ein offenes Haus und ein offenes Herz, wo er sich mit den Brüchen in seiner Familienbiografie zeigen kann und wertgeschätzt wird.

    Dennoch sind die neuen Angebote von Airbnb und Couchsurfing hilfreich für unsere Arbeit. Dass man seine eigenen vier Wände Fremden gegenüber öffnet, wird für immer mehr Menschen zur Selbstverständlichkeit. Was für ein Glück für Kinder mit zwei Elternhäusern.

  • Jobst: Die Multilokalität fordert auch den Eltern viel ab. An seinem Alltagsort wird der Vater meist nur als Single wahrgenommen. Und am Umgangsort fühlt er sich nur von seinem Kind als Vater wertgeschätzt, aber selten vom Umfeld des Kindes. 

    Annette: Die Überraschung, wenn das Kind die ersten Worte spricht, die Freude über die Seepferdchen-Urkunde im Schwimmkurs: All das wird nicht live, sondern in monatlichen Etappen erlebt. Noch dazu findet der Elternstolz dabei keine Resonanz am eigenen Wohnort. Wie gut, dass die Eltern es ihrem Gastgeber erzählen können!

  • Annette: Das vielen vertraute, leistungsorientierte Leben und Arbeiten ist in Familienkrisen einer großen Belastung ausgesetzt. Was wir uns in Beruf und Sport kaum erlauben können, holt uns spätestens bei einer Trennung ein: die Erfahrungen von Versagen, Ohnmacht und Unvermögen. Vielen Eltern fehlen Handlungsmuster im Umgang damit. Und sie erfahren dann oft genug, dass sie für sich allein damit klarkommen müssen. Ist es da ein Wunder, wenn manche Eltern irgendwann aufgeben?

  • Jobst: Nicht nur unsere wunderbaren Gastgeber, sondern auch unser engagiertes, starkes Team ist für uns eine wertvolle Bereicherung und ermöglicht es uns, das Angebot immer weiter zu optimieren und immer mehr Familien zugänglich zu machen.

    Annette: Die Gewissheit der Zugehörigkeit hat durch eine Trennung Risse bekommen. Der Verlust erschüttert ein ganzes Leben. Ausgerechnet das existenziellste aller Grundbedürfnisse – die Gewissheit der Zugehörigkeit – erlebt wahre Hungerjahre. Man mag von der Homöopathie halten, was man will. Aber das Prinzip „Ähnliches heilt Ähnliches“ hat sich in unserer Arbeit bewährt. Dank unserer Gastgeber können wir dieser Erschütterung der Eltern überraschende Erfahrungen von bedingungslosem Rückhalt und Bindungserfahrungen gegenübersetzen. 

Mehr Informationen zur Spendenkampagne Scheidungsringe für Kinder und Initiative Mein Papa kommt, findest du in den FAQ.

Infos anfordern

Die Religionspädagogin Annette Habert ist zertifizierte Elternbegleiterin, Fachkraft für die Arbeit mit Vätern und Mediatorin. Der Soziologe Jobst Münderlein ist SAFE-Mentor und Fachkraft für die Arbeit mit Vätern. Beide Gründer kennen die Sorgen und Probleme von Familien mit zwei Elternhäusern aus dem eigenen Erleben als Alleinerziehende.

 
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